Montag, 9. November 2020

NIT STUDENT JUAN DAVID: WIR LEBEN IN HISTORISCHEN ZEITEN

Juan David Londoño Salazar wurde in Peireia, Kolumbien geboren und hat dort seinen Bachelor gemacht. Der 36-Jährige studiert Information and Communication Systems an der TUHH (Technische Universität Hamburg) in Kombination mit einem MBA in Technology Management am Northern Institute of Technology Management (NIT). Seit Beginn seines Doppelstudiums wohnt er in einem Appartement im NIT-Gebäude auf dem Campus.

Hier berichtet er, wie es ist, an einer deutschen Universität zu studieren, und erzählt, wie er das vergangene Sommersemester unter den Corona-Einschränkungen empfunden hat.

 „Während ich diese Zeile schreibe, liegen fast zwei Jahre an der TU Hamburg hinter mir. Allerdings fühlt es sich so an, als wäre schon deutlich mehr Zeit vergangen. Vielleicht liegt das an den vielen neuen Erfahrungen, die ich in diesen Monaten gemacht habe. Meinen Master in Hamburg zu beginnen, war keine leichte Entscheidung: Ich musste meinen Job in Medellín kündigen und mich von meiner Familie und meinen Freunden verabschieden. All das habe ich in der Hoffnung auf eine bessere Ausbildung und neue berufliche Chancen getan. Es war schwer, aber definitiv die richtige Entscheidung.

Mein erstes Jahr in Deutschland war in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung. Zum einen haben mich das Arbeitspensum im Studium gefordert. Alles zu bewältigen, gelang mir nur mit einem straffen Zeitmanagement. Zum anderen musste ich mich in eine fremde Kultur mit anderen Bräuchen und einer völlig neuen Umgebung einfinden. Die ersten zwei Semester hatten viele Höhen und Tiefen, ich hatte Heimweh und sorgte mich, ob ich alles schaffen würde. Besonders die kleinen Dinge, wie das wechselhafte Wetter in Hamburg, hatten einen großen Einfluss auf mich, da ich aus Medellín tropische Temperaturen gewohnt war. Dort sind meist um die 30 Grad; wird es kälter als 20 Grad, ziehen alle dicke Jacken an. Doch diese erste Phase habe ich längst überwunden. Die vielen neuen Eindrücke, das Kennenlernen von Studierenden verschiedener Herkunft und die daraus entstandenen Freundschaften haben dazu beigetragen, dass ich mich in Deutschland immer wohler fühlte. Niemals hätte ich geahnt, was 2020 noch auf uns zukommt.

Ich erinnere mich daran, wie ich im Januar, während ich eine meiner letzten Veranstaltungen im Wintersemester besuchte, die ersten Nachrichten über das Corona-Virus las. Schon da sah die Situation ernst aus, aber ich hätte nicht gedacht, dass es so weitreichende Konsequenzen haben würde. Erst als sich Social Distancing und Quarantänemaßnahmen auf der Welt verbreiteten und auch in Deutschland und hier auf dem Campus ankamen, wurde mir bewusst, dass wir in historischen Zeiten leben. Ich wohne hier auf dem Campus in einem Studierenden-Appartement am NIT. In den ersten Tagen der Pandemie fühlte es sich so an, als würde ich in einer Geisterstadt leben. Den Campus, der normalerweise mit Studierenden und Unimitarbeitenden gefüllt ist, so komplett verlassen zu sehen, fühlte sich merkwürdig und bedrückend an. Alltägliche Routinen wurden über den Haufen geworfen, während immer höhere Fallzahlen bekannt gegeben wurden. Wir internationale Studierende machten uns große Sorgen um die Gesundheit unserer Familien zu Hause in unseren Herkunftsländern. Glücklicherweise sind die Studierenden, die im NIT-Gebäude leben, gut vernetzt und so konnten wir uns in diesen ungewöhnlichen Zeiten gegenseitig unterstützen und Trost spenden.

Als das Sommersemester startete und die Kurse und Vorlesungen nun alle digital stattfanden, kam ich langsam in der neuen Normalität an. Auch wenn Online-Veranstaltungen meiner Meinung nach nicht genauso gut wie Präsenzveranstaltungen sind, so haben die TU Hamburg und das NIT das Bestmögliche aus der Situation gemacht. Alle haben sich wirklich sehr gut an die neuen Gegebenheiten angepasst. Der Lehrbetrieb lief quasi störungsfrei weiter. Es beruhigt mich, dass Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern diese Krise außergewöhnlich gut bewältigt. Sogar in der Zeit, als sich das Virus auch hierzulande besonders schnell verbreitete, habe ich mich sicher gefühlt und auf das deutsche Gesundheitssystem vertraut. Am Anfang schien in vielen lateinamerikanischen Ländern, darunter eben auch in Kolumbien, die Verbreitung des Virus mithilfe der Quarantänemaßnahmen unter Kontrolle zu sein. Leider hat sich dieser Eindruck in den letzten Monaten nicht bewahrheitet und die Fallzahlen steigen wieder rasant. Es ist nicht klar, wie sich die Dinge dort entwickeln werden. Das ist schlimm für mich.

Ich hoffe, dass diese Krise dazu führt, dass wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln. Es wäre toll, wenn wir diesen globalen Notstand dazu nutzen würden, darüber nachzudenken, in was für einer Gesellschaft wir leben und was für eine Welt wir den zukünftigen Generationen überlassen wollen. Nur wenn wir aus dieser Krise lernen, wird uns eine vielversprechende Zukunft bevorstehen.“


Wir danken Juan David vielmals für die Einblicke in seinen Alltag während des Sommersemesters.

Foto + Text sind erschienen im Spektrum Magazin 2/2020, Credit: TU Hamburg/Schulze
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